Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist. Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr. Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen. Durch einen jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller.
Dem einen wird durch den Geist ein Wort der Weisheit gegeben; dem andern ein Wort der Erkenntnis durch denselben Geist; einem andern Glaube, in demselben Geist; einem andern die Gabe, gesund zu machen, in dem einen Geist; einem andern die Kraft, Wunder zu tun; einem andern prophetische Rede; einem andern die Gabe, die Geister zu unterscheiden; einem andern mancherlei Zungenrede; einem andern die Gabe, sie auszulegen. Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist, der einem jeden das Seine zuteilt, wie er will.
Liebe Gemeinde,
Paulus schreibt hier voller Leidenschaft an die kleine christliche Gemeinde in der Großstadt Korinth. Da waren nämlich viele unsicher, was es mit dem Geist Gottes und den Fähigkeiten von uns Menschen auf sich hat. Und denen schreibt er dann unter anderem diese Zeilen. Und wisst ihr was. Er schreibt es auch uns, denn das, worum es da geht, das betrifft uns unmittelbar.
Jede und jeder von uns, heißt das, was Paulus da schreibt, jede und jeder hat ihre oder seine Gaben. Niemand ist ohne Wert. Eine Gemeinde braucht alle – alle, so wie wir heute hier oder zuhause sitzen, einander ernst nehmen, füreinander beten. Jeder und jede hat Gaben, die wir mit hierher und nachher und morgen wieder in unsere Welt bringen. Um das zu leben ist es wichtig, das zu erkennen und Gott um seinen Heiligen Geist zu bitten.
Der liegt nämlich nicht wie Handtücher im Schrank, die wir nur herausholen müssen, wenn wir ein neues Handtuch benötigen. Der Heilige Geist gehört Gott und freut sich darüber, dass wir ihn suchen und erbitten. Wir brauchen den Heiligen Geist, den Geist der Liebe und der Fürsorge füreinander. Und darum sind wir auch heute wieder hier, weil wir ihn brauchen.
Dabei ist es ja durchaus immer wieder eine Frage, wer und was der Heilige Geist ist und was er so tut, wenn er nicht gerade wie zu Beginn der Bibel über den Wassern schwebt.
Ein bedeutender Mann hat davon geschrieben, was genau der Heilige Geist sein könnte im Leben eines Christen und einer Christin. Der Mann heißt Augustin oder, lateinisch, Augustinus. Er lebte etwa um 400 nach Christus und gilt heute als bedeutender Mensch der Kirchengeschichte, der eine wichtige Rolle für die Kirche insgesamt spielte.
Geboren wurde Augustin im heutigen Algerien. Als Kind war er eher wild und ungestüm. Seine Mutter Monica war wohl zeitlebens Christin, sein Vater ließ sich kurz vor seinem Tod taufen. Augustin selber studierte, auch in Rom, und war lange Zeit Lehrer für gutes Sprechen und die Kunst der öffentlichen Rede.
Erst mit etwa dreißig Jahren erinnerte er sich an die Religion seiner Kindheit, von der Mutter gelehrt, und soll ein wichtiges Erlebnis gehabt haben, von dem er selbst schreibt – eine Art Bekehrung.
Genauer gesagt: Er empfand sein bisheriges Leben als bedeutungslos und leer. Und so änderte er sein Leben. Er wurde ruhiger, lebte enthaltsamer und gründete ein Kloster, in dem er selber auch lebte. Jahre später wurde er Bischof von Hippo in seinem Heimatland Algerien.
Von diesem dann immer berühmter gewordenen Bischof Augustin stammt ein kleiner Text, in dem er wunderschön darlegt, was Gaben des Heiligen Geistes sein können. Zum Mitverfolgen steht er auf der Rückseite des Sonntagsblattes, denn wie viele so alte Texte ist er nicht gut beim ersten Hören zu verstehen. Augustin schreibt, ein glaubender Mensch solle:
Unruhestifter zurechtweisen / Kleinmütige trösten / sich der Schwachen annehmen / Gegner widerlegen / sich vor Nachstellern hüten / Ungebildete lehren / Träge wachrütteln / Händelsucher zurückhalten / Eingebildeten den rechten Platz anweisen / Streitende besänftigen / Armen helfen / Unterdrückte befreien / Gute ermutigen / Böse ertragen / und – ach: alle lieben.
Das kann man sich nicht alles gleich merken, so schön manche Ausdrücke auch sind. Beim langsamen Lesen und Hören ahnt man schon ein bisschen, dass hier der Heilige Geist am Werk war und dem Augustin die Feder geführt hat.
Zwei wichtige Dinge beobachte ich in diesem Text. Das eine: Wir sollen unseren Glauben nicht verstecken. Es ist ein Glaube, der sich in der Gemeinschaft ereignet – ein Geist, der wirklich unter uns wirken will, uns trösten, ermutigen und auch verändern will.
Niemals müssen wir bleiben, wer wir sind. Immer gibt es Gelegenheit, anders und besser zu werden im und durch den Geist Gottes. Der Heilige Geist ist ein großes Füreinander. Denn er offenbart sich zum Nutzen aller. So schreibt Paulus das.
Wir geben einander nicht auf; wir achten aufeinander; wir versuchen, einander zu helfen, zu mahnen und zu stärken. „Wir“ sind hier wirklich „wir“ – in unsrer Kirche, in unserer Gemeinde, an dem Ort, an dem wir wohnen als Nachbarn und Bekannte. Der Heilige Geist ist ein großes Füreinander.
Und das Zweite, was ich in dem kleinen Text von Augustin entdecke, ist der Seufzer am Schluss. Das viele Aufzählen von kleinen und guten Werken hat nur einen, tiefen Sinn: Ich bin zur Liebe berufen. Es geht sozusagen ums Lieben lernen. So klingt der Seufzer am Schluss: Ach, was soll’s, einfach alle lieben.
Aber das ist ja richtig schwer, so zu leben und zu handeln. Ich nehme an, das weiß auch der Bischof Augustin. Was ihm und seinen Glaubensgeschwistern vielleicht ein bisschen leichter gefallen ist, ist die Tatsache, dass sie im Kloster an einem ruhigen Ort zusammenlebten.
Da ist das Leben von vielen von uns schon bedeutend unruhiger, vermute ich zumindest. Es gibt in unserem Alltag auch unter den sehr be- und eingeschränkten Umständen allerlei Betriebsamkeiten, bei denen wir nicht dauernd nach rechts und links schauen, ob auch wirklich alle immer mitkommen. Sondern wir müssen auch selbst schauen, dass wir überhaupt mitkommen, mit alldem, was so passiert.
Und wir können auch nicht jeden und jede belehren, der oder die sich danebenbenimmt, wie wir meinen. Wir können einfach nicht dauernd auf alles und alle achten. Ich glaube das ist so.
Aber ich denke trotzdem, dass es durchaus möglich ist, immer mal wieder ein wenig achtsamer zu sein. Und wenn es nur ein kleiner Trost ist oder ein kleiner, möglichst liebevoller Hinweis zur Korrektur, ein kurzer Gruß der dem Mitmenschen zeigt: Ich sehe dich. Das geht häufiger, als wir meinen.
Ich habe neulich von jemandem gelesen der schrieb:
Wenn ich ängstlich bin oder Sorgen habe, dann hilft es mir, wenn ich kleine Zeichen der Liebe setze; wenn ich eine Karte oder einen Brief schreibe, jemandem ein Geschenk mache oder einfach irgendwohin unter Leute gehe, um ein bisschen freundlich sein zu können. Ich tue das weniger für die anderen; ich tue das eher für mich. Ich brauche dann einfach diese kleinen Zeichen der Liebe, damit ich mich selber daran festhalten kann.
Mir hat das die Augen geöffnet. Der Heilige Geist wirkt durch einen jeden zum Nutzen aller, wo immer es geht. Mensch tut das Gute öfter als wir denken eher für sich, um sich nicht aufzugeben, um der Lieblosigkeit und dem Streiten oder dem Hass etwas entgegenzusetzen. Mit kleinen Zeichen der Liebe oder der Fürsorge hält mensch sich fest am guten, heiligen Geist und bittet förmlich um ihn.
Ihr Lieben, Gottes Geist lässt die nie allein, die um ihn bitten. Er stärkt die Menschen, die sich um Gottes Nähe bemühen und gibt ihnen Halt. Und wer den Heiligen Geist sucht, wird ihn auch finden und wird dabei entdecken können, dass er schon längst da war und fleißig am Werk ist durch die Gaben mit denen er uns begabt hat. Dafür sei ihm ewig Lob und Dank. AMEN.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. AMEN.
Pastor Florian Reinecke,
Mai 2021