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Predigt zum Sonntag Exaudi

veröffentlicht am: 16.5.2021 by at https://selk-radevormwald.de/posts/20210516-predigt/

Christus spricht: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden. […] Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten.

Johannes 16, 7.13

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Ihr kennt vielleicht den alten Witz über den Sonntag Exaudi. Der geht so: Der Sonntag Exaudi ist der traurigste Sonntag im Kirchenjahr. Der Herr Jesus ist nicht mehr da. Der Heilige Geist ist noch nicht da. Und die Gemeinde ist auch nicht da!

Nun, das stimmt ja nicht ganz. Ihr seid ja da! Aber unter normalen Umständen eignet sich das verlängerte Himmelfahrtswochenende tatsächlich für Kurzurlaub. Daher ist vielerorts der Gottesdienst am Sonntag Exaudi nur sehr schlecht besucht.

Aber im Ernst: Der Herr Jesus ist nicht mehr da. Am Donnerstag, am Himmelfahrtsfest, haben wir davon gehört. Wie Jesus vor den Augen der Jünger in den Himmel aufgenommen wurde.

Jesus hatte den Jüngern zwar erklärt, was da passieren würde, dass er zum Vater zurückkehrt. Aber dennoch werden die Jünger das nicht vollkommen verstanden haben. Sie haben es nicht voll und ganz einordnen können was da passiert. Jesus sagt auch: „Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen.“ Es wäre zu viel für die Jünger. Sie wären überfordert. Und genau das waren sie auch.

Überlegt euch das mal: Drei Jahre lang sind sie ihrem Herrn nachgefolgt. Haben alles stehen und liegen gelassen, haben alles auf diesen Mann gesetzt. Haben viel von ihm gelernt. Sich mitunter auch mit ihm gestritten. Sich über ihn gewundert. Sind in seiner Gegenwart geistlich gewachsen. Haben gesehen und erkannt, dass er die Quelle des Lebens ist. Und nun ist er weg.

Vielleicht musstest du es in deinem Leben mal erfahren, einen geliebten Menschen zu verlieren. Die Leere, die dadurch entsteht, ist schon sehr schmerzhaft. Ich weiß noch, wie das war, als ich das erste Mal ins Haus meiner Großeltern kam, nachdem der Großvater verstorben war. Ich kam ins Wohnzimmer – er saß immer links im Sessel – und, der Sessel war leer. Ich glaube es ist mir in dem Moment erst richtig klargeworden, dass er nicht mehr da ist!

So muss es den Jüngern damals ergangen sein. Sie werden diese Lücke, die Jesus hinterlassen hat, schmerzhaft wahrgenommen haben. Und, sie werden Angst und Ungewissheit verspürt haben.

Der Herr Jesus ist nicht mehr da. Und – der Heilige Geist ist noch nicht da.

Ihr Lieben, Jesus ist ja nicht einfach verschwunden, nach dem Motto: „Ich bin dann mal weg!“ Nein, er hat vielmehr dafür Sorge getragen, dass er nicht ersatzlos ausfällt. Auch das hat er seinen Jünger mehrfach mitgeteilt. So zum Beispiel in Johannes 14, wo Jesus sagt: „Ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit.“ Oder, wie wir es eben in Johannes 16 gehört haben: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.

Auch das werden die Jünger nicht vollkommen verstanden haben. Warum geht er jetzt weg? Wir wollen keinen Ersatz – wir wollen dich, Jesus! Du sollst hierbleiben! Was werden wir ohne dich machen? Du kannst uns doch hier nicht so hängen lassen…

Ihr Lieben, auch diese Gefühle dürften uns bekannt vorkommen. Ich war als Kind sehr ängstlich und mochte nicht allein in die Schule gehen. (Das hat zum Glück nicht lange angehalten, aber es war schon nicht ganz einfach mit mir!). Und ich weiß noch ganz genau, wie es mir erging, wenn die Mutter mich morgens am Schuleingang abgesetzt hat. Sie musste mich dort lassen! Sie konnte nicht mit! Ich wusste das auch! Trotzdem hatte ich dafür kein Verständnis.

Die Jünger verspüren Angst, Ungewissheit, ja Zweifel.

Ist das nicht ein wenig so, wie unser Leben als Christen in dieser Welt? Wir glauben an einen Herrn, den wir nicht sehen können. Wir erleben Vergebung und Frieden mit Gott – bereits jetzt – sehen aber immer noch Hass und Streit! Wir vertrauen darauf, dass unsere Sünden vergeben sind, müssen aber dennoch täglich mit der Sünde kämpfen! Wir glauben, dass Jesus den Tod besiegt hat, haben aber noch den eigenen Tod vor uns!

Das löst bei mir immer wieder Angst und Unsicherheit aus. Dieses „schon jetzt aber noch nicht.“ Dieses „simul justus et paccator“ - Sünder und Gerechter sein, gleichzeitig. Dieses in der Welt sein, aber dennoch nicht von der Welt sein, wie Jesus es selbst in Johannes 17 beschreibt.

Ihr Lieben, dieser Schwebezustand, diese Ungewissheit, die ist da. Die Jünger werden sie verspürt haben. Wir verspüren es. Aber, der Heilige Geist kommt. Der Tröster, der uns in alle Wahrheit leiten wird, kommt. Der uns den Verstand öffnet, damit wir glauben und vertrauen. Der uns hilft, die schweren Stunden des Lebens einzuordnen und zu bewältigen. Der uns die Augen dafür öffnet, dass das, was wir jetzt sehen und vor Augen haben, vergehen wird. Dass etwas Besseres kommen soll.

Der Herr Jesus ist nicht mehr da. Der Heilige Geist ist (zumindest für die Jünger) noch nicht da, und die Gemeinde? Die soll da sein. Sie soll da sein und wachen und beten. Jesus sagt den Jüngern, dass sie Jerusalem nicht verlassen sollen. Sie sollen warten, bis der Tröster, der Heilige Geist kommt.

Wir sollen das ebenfalls. Wir sollen diese Zeit der Angst und der Ungewissheit damit verbringen, in der Gegenwart Gottes zu sein. Hier im Gottesdienst, in Wort und Sakrament, im Gebet, im Miteinander und Füreinander.

Ihr Lieben, so wird der Sonntag Exaudi, so wird diese Zeit des Wartens und der Ungewissheit, eine Zeit der Freude. Bereits jetzt!AMEN.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. AMEN.

Pastor Roland C. Johannes,
Mai 2021

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