Liebe Gemeinde,
Himmelfahrt ist schon ein spezielles Fest. Eigentlich schwer vorstellbar und kaum zu glauben, was da geschieht. Schon dass Jesus am Ostermorgen nicht mehr im Grab lag, sondern den Frauen vor dem Grab und später seinen Jüngern begegnet, war kaum zu glauben. Zumindest hinterlassen die verschiedenen Berichte von den Begegnungen mit dem auferstandenen Jesus diesen Eindruck. Oft sind die Jünger überrascht und rechnen dann doch nicht damit, dass geschehen ist, was Jesus die ganze Zeit vorher gesagt hat.
Und jetzt war er den Jüngern und anderen vierzig Tage lang nach Ostern immer wieder begegnet, hatte sich von ihnen berühren lassen, mit ihnen geredet, gegessen und getrunken.
An diesem Tag, so erzählt es Lukas in seiner Apostelgeschichte, versammelt Jesus die Zwölf ein letztes Mal um sich und verheißt ihnen den Heiligen Geist. Er verspricht ihnen, dass sie mit dessen Kraft Zeugen der Frohen Botschaft werden bis ans Ende der Erde. Und kaum hat er das gesagt, wird er vor ihren Augen emporgehoben, eine Wolke nimmt ihn auf, und er fährt gen Himmel.
Das ist auch kaum zu glauben, hätten es nicht so viele gesehen, berichtet und bezeugt und hätten wir es nicht schon so oft gehört, dass es uns selbstverständlich vorkommt. Kaum zu glauben ist eigentlich auch das, was Paulus an die kleine Gemeinde in Ephesus schreibt. Der Apostel beginnt mit starken, überschwänglichen Worten. Er schreibt:
Darum, nachdem auch ich gehört habe von dem Glauben bei euch an den Herrn Jesus und von eurer Liebe zu allen Heiligen, höre ich nicht auf, zu danken für euch, und gedenke euer in meinem Gebet, dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, Apostelgeschichteder Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung, ihn zu erkennen. Und er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist und wie überschwänglich groß seine Kraft an uns ist, die wir glauben durch die Wirkung seiner mächtigen Stärke. Mit ihr hat er an Christus gewirkt, als er ihn von den Toten auferweckt hat und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und jeden Namen, der angerufen wird, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen. Und alles hat er unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles, welche sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt. Epheser 1,15-23
Kaum zu glauben. Gewalt und Macht, überschwänglich große Kraft und Hoffnung, Reichtum an Liebe. Das alles durch Gott soll die christliche Gemeinde auszeichnen.
Das Ganze wird noch unglaublicher, wenn man bedenkt, dass Ephesus damals eine Weltstadt war. So wie man heute von New York, Paris, London, Moskau, Tokio oder Berlin spricht – so waren damals Rom, Konstantinopel, Alexandrien, Jerusalem und eben auch Ephesus in aller Munde.
Und in dieser Weltstadt, die an der Mittelmeerküste der heutigen Türkei liegt, gab es nun eine junge christliche Gemeinde, die vermutlich aus wenigen Menschen bestand.
Der Apostel Paulus war auf seinen Reisen einige Jahre zuvor auch nach Ephesus gekommen und hatte dort von Jesus erzählt, wie sehr Gott die Menschen liebt und davon, dass er seinen Sohn hat sterben lassen, um sie für sich zu gewinnen.
Für diese paar Leute waren diese Geschichten von Jesus zur Frohen Botschaft geworden. Sie mussten sie einfach immer wieder hören. So trafen sie sich regelmäßig, um ausgelassen miteinander zu essen und zu trinken und Gottesdienste zu feiern. Und bei dieser Gelegenheit lasen sie sich immer wieder die Briefe vor, die der Apostel Paulus ihnen geschrieben hatte.
Wie ungewöhnlich diese Zeilen von Paulus sind, macht man sich am besten klar, wenn man bedenkt, dass die christliche Gemeinde in Ephesus absolut bedeutungslos klein und in der Stadt so gut wie unbekannt war.
Was hat sich Paulus dabei gedacht, dass er über diese winzige Gemeinde mit solch überschwänglichen Worten schreibt? Paulus sieht die Gemeinde mit anderen Augen an. Mit den Augen des Herzens. Und er bittet Gott, dass er auch den paar Christen in Ephesus erleuchtete Augen des Herzens geben möge.
Paulus weiß nämlich, dass mensch mit erleuchteten Augen des Herzens manchmal mehr und tiefer sehen kann als mit den Augen im Kopf. Unsere menschlichen Augen sehen nur diese paar Menschen, eine klägliche Minderheit in einer riesigen Stadt, schutzlos den Mächten und Gewalten der Welt ausgeliefert. Die Augen des Herzens aber sehen in diesen Menschen den Leib Christi.
Diese Menschen gehören zu Christus, sagen die Augen des Herzens. Und weil sie das wissen, kann ihnen keine Macht der Welt etwas anhaben.
In diese Richtung zielt auch der Ökumenische Kirchentag, der in diesen Tagen leider nicht groß in Frankfurt, sondern wie so vieles vor allem dezentral gefeiert wird. Seine Losung „Schaut hin“ fordert auf, genau hinzusehen. Das Leben und die Welt tiefer zu betrachten, Fehlentwicklungen zu durchschauen und durch den Schleier der Wirklichkeit hindurch bereits den Glanz der kommenden Welt zu sehen oder zumindest zu erahnen.
Es wäre so wunderbar, wenn wir solche Augen des Herzens hätten, die uns so einen Blick zu jeder Zeit und in jeder Lage ermöglichen würden.
Aber unsere menschlichen Augen sehen oft nur die Schreckensbilder, die täglich über die Bildschirme laufen: eine Welt, die scheinbar unaufhaltsam dem Abgrund entgegenschlittert.
Unsere menschliche Vernunft sagt in vielen Fällen auch zum Schutz vor der Verzweiflung oder der schieren Überforderung: „Das ist halt so, da kann man nichts machen!“
Die Augen des Herzens aber weigern sich aufzugeben. Sie sehen diese Welt, wie Gott sie ansieht. Sie sehen tiefer, sie sehen auch im Dunklen, Schweren und vor allem im Verborgenen Gott schon jetzt am Werk. Sie blicken aber auch schon voraus und hoffen auf jenen Tag, an dem keine Fragen mehr offen sind und die Rätsel des Leidens und aller Tränen ihre Antwort gefunden haben werden.
Das Geheimnis von Himmelfahrt kann mit unserem Verstand wohl nur zum geringen Teil erfasst werden. Man braucht die Augen des Herzens dazu, die die Fähigkeit haben, durch die zum Teil harte Realität hindurch eine größere Wirklichkeit zu erkennen. In dieser Wirklichkeit hat Jesus seit jenem ersten Himmelfahrtstag den Platz an der Seite Gottes eingenommen.
Wir feiern an Himmelfahrt ja nicht, dass Jesus plötzlich vor den Augen der Jünger verschwunden ist. Himmelfahrt heißt nicht, dass Jesus weggeht und nun weit weg und hoch oben über allem schwebt. Sondern im Gegenteil feiern wir, dass er nun alles in allem erfüllt, also allen Menschen auf ganz neue Weise viel näher ist als jemals zuvor und durch sein Sterben für unsere Schuld wir Gott begegnen können.
Jene erleuchteten Augen des Herzens, von denen der Apostel schreibt, sind nicht gegen die Vernunft, wohl aber höher als alle unsere Vernunft, sie sehen weiter und tiefer: Sie sehen nicht nur das, was ist, sondern das, was werden könnte und in vielem den, der wiederkommen wird.
Und so schließe ich mich gerne der Bitte des Apostels für uns heute an: Er gebe uns diese erleuchteten Augen des Herzens, damit wir von Neuem erkennen, zu welcher Hoffnung wir von ihm berufen sind und wie reich die für uns bestimmte Herrlichkeit ist, die schon mitten in dieser Welt zu erkennen ist und uns von Angst und Sorgen befreien mag: Wir gehören zu Christus. Niemand kann uns aus seiner Hand reißen. Alles hat Gott unter seine Füße getan. Sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. Dafür sei ihm ewig Lob und Dank. AMEN.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. AMEN.
Pastor Florian Reinecke,
Mai 2021