Liebe Brüder und Schwestern in Christus!
Ich bin immer wieder erstaunt, wie lieb und artig meine Kinder sein können, wenn sie etwas von mir wollen. Süßigkeiten, eine Stünde länger Nintendo, vielleicht die neuste Barbie-Puppe. Oder wenn sie was verbockt haben und ganz genau wissen, dass es für sie besser wäre, wenn sie jetzt brav sind. Vielleicht kann man die Eltern ja umstimmen oder mögliche Bestrafung abwenden…
Übrigens ist es bei Ehemännern ähnlich. Wenn sie mit den Kumpels fürs Wochenende wegfahren wollen, dann werden sie plötzlich ganz gehorsam, räumen freiwillig den Geschirrspüler aus oder erledigen endlich das, was sie der Ehefrau schon längst versprochen hatten. (Jaja, so sind wir eben!)
Beim Propheten Daniel hören wir, dass das Volk Israel ebenfalls einiges verbockt hatte. Zum wiederholten Male, übrigens. Nun waren sie in der Gefangenschaft in Babylonien und zeigten sich tatsächlich reumütig. Hören wir, was in Daniel 9 dazu steht:
Ich betete aber zu dem Herrn, meinem Gott, und bekannte und sprach: Ach, Herr, du großer und schrecklicher Gott, der du Bund und Gnade bewahrst denen, die dich lieben und deine Gebote halten! Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen. Ach, Herr, um aller deiner Gerechtigkeit willen wende ab deinen Zorn und Grimm von deiner Stadt Jerusalem und deinem heiligen Berg. Denn wegen unserer Sünden und wegen der Missetaten unserer Väter trägt Jerusalem und dein Volk Schmach bei allen, die um uns her wohnen. Und nun, unser Gott, höre das Gebet deines Knechtes und sein Flehen. Lass leuchten dein Angesicht über dein zerstörtes Heiligtum um deinetwillen, Herr! Neige deine Ohren, mein Gott, und höre, tu deine Augen auf und sieh an unsere Trümmer und die Stadt, die nach deinem Namen genannt ist. Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. Ach, Herr, höre! Ach, Herr, sei gnädig! Ach, Herr, merk auf und handle! Säume nicht – um deinetwillen, mein Gott! Denn deine Stadt und dein Volk ist nach deinem Namen genannt.
Man könnte meinen, dass das jetzt auch so eine Aktion ist wie bei meinen Kindern. Jetzt mal kurz ganz lieb und artig schauen, vielleicht wird Gott die Strafe abwenden. „Sorry sagen“ – hoffentlich ist’s dann schnell vorbei.
Aber nein. Darum geht es hier ganz und gar nicht. Daniel betet nämlich Folgendes (wir haben es in Vers 18 gehört):
Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. Mit anderen Worten: Wir können Gott gar nicht umstimmen! Wir können vor Gott gar nichts tun, was die wohlverdiente Strafe abwenden könnte! Wir können nichts leisten, damit Gott gnädig ist und uns das gibt, was wir von ihm verlangen. Das bringt nichts! Das funktioniert vielleicht bei uns als Eltern, aber vor Gott eben nicht.
Darum betet Daniel: Wir vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit. Das bringt nichts, wir wissen es. Sondern wir vertrauen auf deine große Barmherzigkeit. Ihr Lieben, es geht hier um viel mehr als nur mal eben kurz „sorry“ zu sagen. Es geht um eine Lebenseinstellung. Eine Einstellung, die uns immer und überall begleiten sollte. Eine Einstellung, die unser Denken und Tun bestimmt. Nicht nur dann, wenn wir etwas wollen oder wenn wir etwas verbockt haben, sondern immer!
Martin Luther hat das in seinen 95 Thesen so wunderbar formuliert, als er – gleich in der ersten These, sozusagen als Eröffnung der Reformation – diesen Satz schrieb:
„Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht „Tut Buße“ […], hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll“
Das ganze Leben. Nicht nur manchmal. Nicht nur am Sonntagmorgen zu Beginn des Gottesdienstes („Der allmächtige Gott erbarme sich unser…“). Nein, immer!
Nun, ihr Lieben, das bedeutet nicht, dass wir immer und überall mit langen Gesichtern rumlaufen sollten. Das bedeutet nicht, dass wir ständig in Sack und Asche gehen müssen. Ganz im Gegenteil! Denn: wenn mein ganzes Leben „Buße“ sein soll, dann ist auch mein ganzes Leben „Vergebung.“
Weil ich weiß, dass mir meine Verfehlungen, meine Fehltritte, vergeben werden. Immer! Das, was ich verbockt habe, wird entschuldigt. Immer! Ich brauche gar nicht – wie das meine Kinder machen – mein Verhalten plötzlich zu ändern in der Hoffnung, dass es für mich glimpflich ausgeht. Ich brauche keine Angst zu haben. Weil ich mich auf Gottes große Barmherzigkeit verlassen kann. Immer!
Wir merken in diesen Tagen zunehmend, wie wenig wir selbst in der Hand haben. Wie wenig wir vorzuweisen haben. Wie aussichtslos unsere Gerechtigkeit ist. Da tut es gut zu hören, dass wir das gar nicht brauchen. Da tut es gut zu hören, dass wir uns – mehr denn je, ja eigentlich immer(!** - auf Gottes Barmherzigkeit verlassen dürfen. Darum dürfen auch wir getrost mit Daniel beten:
Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. Ach, Herr, höre! Ach, Herr, sei gnädig! Ach, Herr, merk auf und handle! Säume nicht – um deinetwillen, mein Gott!
Amen.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. [Amen.]
Pastor Roland C. Johannes,
Mai 2021