Liebe Gemeinde!
Ich bekomme in letzter Zeit mehr als je zuvor aufs Smartphone sogenannte „Meme“ zugeschickt. Ein Meme ist schlichtweg ein Bild oder Video, das nachträglich mit kurzen, prägnanten Texten versehen und in den sozialen Medien (z.B. über WhatsApp) rasant verbreitet wird. Dabei geht es darum, sich über jemanden oder etwas lustig zu machen; vielleicht auch darum, seinem Ärger und seiner Enttäuschung auf zum Teil recht fiese und sarkastische Art und Weise Raum zu verschaffen.
Es fällt auf, dass in den letzten Monaten vor allem die Politiker und Führungspersonen dran sind. Kanzlerin, Gesundheitsminister, Virologen, ja sogar Bischöfe und Erzbischöfe müssen einiges über sich ergehen lassen. Ich muss gestehen, dass einige dieser Meme tatsächlich sehr, sehr lustig sind und – wenn auch im Jux gesagt – sehr viel Wahrheit beinhalten.
Das Phänomen, dass Politiker und Führungspersonen nicht besonders gut abschneiden, ist nichts Neues. Wir hören beim Propheten Hesekiel im 34. Kapitel Folgendes:
Und des Herrn Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. So spricht Gott der Herr: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen.
Worum geht es hier? Die Führungsschicht im Volk Israel, die hier mit „Hirten“ bezeichnet werden, haben alles kaputt gemacht. Das große Reich Israel, das unter Saul, David und Salomo immer mehr an Ansehen und Stärke zunahm, war zur Zeit des Propheten Hesekiel am Untergehen. Der babylonische König Nebukadnezar drang mit seinem Heer unaufhaltsam auf Jerusalem vor. Er wollte Israel einnehmen.
Aber Gott hat den Führern des Volkes Israel versichert, dass Israel nicht fallen wird, wenn sie nur ihrem Gott vertrauen und sich an seine Weisungen halten. Ganz einfach. Aber die Verantwortlichen in der Hauptstadt Jerusalem, die Hirten, haben sich anders entschieden. Sie suchten gegen den ausdrücklichen Rat Gottes den Schulterschluss mit Ägypten, einer anderen Großmacht. Aber das ging schief. Ägypten konnte ihnen nicht gegen die Babylonier helfen. Und so wurde Jerusalem eingenommen und der König Nebukadnezar ließ die Bewohner deportieren.
Und nun, in der Fremde, weit weg von der Heimat bekommt Hesekiel den Auftrag, die Verantwortlichen von damals für diese Katastrophe anzuklagen. Sie waren Hirten, die nur sich selbst geweidet haben. Sie haben sich nicht um ihre Herde gekümmert, sondern sich nur machtbesessen und egoistisch auf deren Kosten bereichert und zudem falsche Entscheidungen getroffen. Nun ist die Herde zerstreut, sie wird deportiert in alle Himmelsrichtungen. Die Hirten sind schuld.
Wie gesagt, nichts Neues!
Aber, Gott greift ein. Er klagt nicht nur an, er meckert nicht nur rum, (verschickt nicht bloß lustige Bilder und Videos), sondern er tut was. Und er lässt durch Hesekiel Folgendes ausrichten:
Denn so spricht Gott der Herr: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. Ich will sie aus den Völkern herausführen und aus den Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und wo immer sie wohnen im Lande. Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.
Gott greift ein! Ihr Lieben, was für ein Trost! Gott lässt sein Volk nicht allein, er lässt es nicht in den Händen von machtgierigen und egoistischen Menschen. Er lässt nicht zu, dass es ausgebeutet und zerstört, ja zerfleischt wird. Sondern er selbst wird ihr Hirte – ein Hirte, der bereit ist, sein Leben für seine Herde zu geben. Ein Hirte, der sich selbst zerfleischen lässt, und dafür seiner Herde „auf guten Auen lagern und fette Weide“ haben lässt.
Vielleicht vermagst du grad in deinem Leben diese fette Weide und gute Aue nicht zu sehen. Vielleicht fällt es schwer zu erkennen, dass Gott sich deiner selbst angenommen hat. Vielleicht möchtest du manchmal auch so ein Meme verschicken – nicht unbedingt, weil du dich über Gott lustig machen willst, sondern vielmehr, weil dir sein Führungsstil seltsam erscheint. Weil du seine Entscheidungen nicht nachvollziehen kannst. Weil du das Gefühl hast, vielmehr vom Leben und von den Sorgen des Alltags selbst zerfleischt zu werden.
Wenn das so ist – ich weiß, dass es mir oftmals so ergeht, dir sicherlich auch – dann wird dir heute morgen ein Meme zugeschickt: ohne lustigem Text, ohne sarkastischem Kommentar, ohne fiese Bemerkung. Es ist das Bild vom Kreuz. Vom guten Hirten, der sein Leben lässt für die Schafe. Von Christus, der sich selbst zerfleischen lässt, damit du geborgen bist. Das Bild von einem Gott, der dich unendlich liebt und dich in deiner Not sieht. Der selbst die Fäden in der Hand hat und dich führt und leitet auf guten Auen und fette Weide – auch wenn es nicht unbedingt und immer danach aussieht. Ein Gott, der dir ausrichten lässt:
Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will dich weiden, wie es recht ist.
Amen.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Pastor Roland C. Johannes,
April 2021