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Predigt zum Sonntag Palmarum

veröffentlicht am: 28.3.2021 by at https://selk-radevormwald.de/posts/20210328-predigt/

Da aber Pilatus sah, dass er nichts ausrichtete, sondern das Getümmel immer größer wurde, nahm er Wasser und wusch sich die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen; seht ihr zu! Da antwortete alles Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder! Da gab er ihnen Barabbas los, aber Jesus ließ er geißeln und überantwortete ihn, dass er gekreuzigt werde. Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus mit sich in das Prätorium und versammelten um ihn die ganze Kohorte und zogen ihn aus und legten ihm einen Purpurmantel an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie auf sein Haupt und gaben ihm ein Rohr in seine rechte Hand und beugten die Knie vor ihm und verspotteten ihn und sprachen: Gegrüßet seist du, der Juden König!, und spien ihn an und nahmen das Rohr und schlugen damit auf sein Haupt. Und als sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Mantel aus und zogen ihm seine Kleider an und führten ihn ab, um ihn zu kreuzigen.

Matthäus 27, 24-30

“Wo ist Gott?”

Ihr Lieben,

ein letztes Mal stellen wir diese Frage: „Wo ist Gott?“ Wir haben ihn in den letzten Wochen anhand der Leidensgeschichte Jesu immer wieder an ungewöhnlichen Orten entdeckt: 1) Auf einem Esel, 2) betend auf den Knien, 3) verhaftet, 4) auf der Anklagebank, und heute: 5) unter der Geißel!

Eine Geißel ist erst einmal eine Peitsche, aus Lederriemen und Metallstücken. Und ich brauche euch sicherlich nicht zu erklären, was das für ein grausames Foltergerät war. Der Sohn Gottes wird genau so, genau auf dieser Art und Weise, von den Soldaten gefoltert. Freiwillig, wie wir letztes Mal gehört haben. An unserer Stelle – damit wir das nicht müssen. Vollkommen unschuldig.

Unter der Geißel zu sein bedeutet aber auch noch mehr. Eine Geißel ist auch im deutschen Sprachgebrauch etwas, „das die Lebensgrundlage erheblich beeinträchtigt“ – so das Wörterbuch. Etwas, „das die Lebensgrundlage erheblich beeinträchtigt.“ Wir erleben gerade zum Beispiel die Corona-Pandemie als eine Geißel. Eine Geißel, die uns alle in Schach hält. Die das Leben beeinträchtigt und viel Leid und Schmerz mit sich bringt.

Unter der Geißel zu sein ist ein Charakteristikum dieses Erdenlebens. Tatsächlich spricht man auch von der „Geißel der Menschheit“, und meint damit die Dinge, die das Menschenleben schwer machen. Krankheit, Armut, Ausbeutung… die Liste ist lang.

Jeder von uns hat seine ganz eigene Geißel. Ich bin mir sicher, dass auch du Dinge hast, die dein Leben schwer machen: Streit in der Familie, traumatische Erfahrungen aus deiner Kindheit, Krankheit, finanzielle Sorgen, existenzielle Sorgen… auch da ist die Liste lang. Wir sind alle mehr oder weniger unter der Geißel – und das nur wegen der Sünde! Vor dem Sündenfall, da war alles in Ordnung. „Und siehe, es war sehr gut!“ Aber dann ist diese perfekte Welt, diese Welt ohne Sünde, ohne Geißel, zerstört worden. Und seitdem müssen wir uns damit abfinden, unter der Geißel zu sein.

Aber Gott lässt es nicht dabei. Er lässt uns nicht unter der Geißel dieses Erdenlebens. Er schickt seinen Sohn – der sich geißeln lässt, ja der die Geißel des Lebens, die Folge der Sünde, auf sich nimmt. Damit wir – bereits jetzt – Frieden mit Gott haben! Das wir bereits jetzt Versöhnung erleben! Damit wir bereits jetzt wissen dürfen, dass das Geißeln irgendwann aufhören wird!

Ich sagte zu Beginn: Ein letztes Mal stellen wir diese Frage: „Wo ist Gott?“ Aber nein, eigentlich sollten wir diese Frage immer stellen. Eigentlich sollte in unserem Leben das die Frage sein. Nicht nur dann, wenn es uns schlecht geht und wir allen Grund haben zu fragen, wo Gott ist und warum er nicht eingreift. Nicht nur dann, wenn das Leben uns geißelt und schwere Zeiten mit sich bringt.

Nein, auch dann, wenn es uns gut geht, wenn alles im Lot ist und wir unbeschwert unser Leben führen dürfen – auch und gerade dann sollten wir diese Frage immer vor Augen haben: Wo ist Gott? Wie zeigt er sich mir? Was tut er für mich?

Und wir dürfen uns dann daran erinnern, dass Gott sich oftmals dort in unserm Leben zeigt, wo wir ihn eben nicht erwarten würden. Bescheiden, demütig, ja verborgen. Im einfachen Wort der Bibel, im schlichten Wasser der Taufe, in der Handauflegung in der Beichte, im Brot und Wein hier an seinem Tisch.

Wo ist Gott? Er ist genau dort! Er ist genau dort, wo er versprochen hat zu sein. Dort, wo er sich ganz sicher und gewiss finden lässt! Dort, wo wir ihn begegnen dürfen.

Vielleicht ist die Geißel, die wir gerade miteinander erleben, auch eine Chance: Dass wir wieder gemeinsam nach Gott fragen, dass wir fragen, wo er ist, dass wir uns auf die Suche begeben, und – dass wir ihn auch finden!

Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Pastor Roland C. Johannes,
März 2021

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