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Predigt zum Sonntag Reminiszere

veröffentlicht am: 28.2.2021 by at https://selk-radevormwald.de/posts/20210228-predigt/

Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg. Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahlgefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Jesaja 5, 1-7

Liebe Gemeinde,

Meine frühere Gemeinde hatte eine neue Orgel in Auftrag gegeben, und zwar an eine Orgelbauwerkstatt in Straßburg, der Hauptstadt des Elsass. So machte sich eines Tages eine Gemeindegruppe auf, um sich ein Bild vom Arbeitsfortschritt zu machen und um eine letzte Entscheidung zu treffen, nämlich die über die Ornamentik der Vorderseite der Orgel, die sog. Schleierbretter.

Da genügend Zeit war, schlug man uns vor, einen Ausflug in die Umgebung zu unternehmen. Es habe gerade die Weinlese stattgefunden, da könnten wir in vielen Dörfern Weinfeste erleben. Gesagt, getan. An einem Ort, der uns zusagte, machten wir Station. Auf dem Marktplatz mit Rathaus, Kirche und einem alten Brunnen saßen die Leute urgemütlich an langen Tafeln in milder Herbstsonne, ließen sich den Federweißer schmecken, aßen typische Speisen, vor allem aber den elsässischen Flammkuchen. Leichter Rauch waberte über der Szene, dazu eine nicht aufdringliche Musik.

So etwa könnte die Atmosphäre gewesen sein, als der Prophet Jesaja auftrat – vor langer Zeit. Er stimmte ein Lied an, griff mit seiner Hand in ein Saiten- oder Zupfinstrument, gab sich wie ein Bänkelsänger, der von Ort zu Ort zog, und fand das Ohr der Menschen.

Es ging um ein Lied über seinen lieben Freund und dessen Weinberg: wie der sich abgemüht hatte, um ein Stück Brachland urbar zu machen, auf einer fetten Anhöhe gelegen – also mit viel Potential. Man könnte fast an die entbehrungsreichen Anfänge in einem Kibbuz des heutigen Israel denken. Er gräbt den Boden um, säubert ihn von Steinen, pflanzt allerbeste Weinstöcke, errichtet Heckenzaun und Steinwall zum Schutz vor gefräßigen Tieren und diebischen Menschen. Vervollständigt wird alles durch einen Turm, Wirtschaftsgebäude und Schlafstätte zugleich, schließlich eine Kelteranlage mit durchlässigen Brettern zum Zertreten der Trauben und einem darunterliegenden Behälter zur Aufnahme der Flüssigkeit. Mit all diesen Tätigkeiten geht eine hohe Erwartung einher, große Vorfreude auf

eine gute Ernte. Stattdessen jedoch eine Riesenenttäuschung! Zorn erfasst den Winzer, alles war umsonst, die Trauben sind ungenießbar, Stinklinge, heißt es im Urtext. In den fröhlichen Bänkelgesang haben sich inzwischen dunkle Töne gemischt, er ist zur Ballade geworden, einer Trauerode.

Dann ergeht ein unerbittliches Gericht: Hecke und Schutzwall werden niedergerissen, so dass Menschen das Areal plündern, Tiere es kahlfressen können. Alles wird dem Verfall preisgegeben, es ist ein Rückfall in den früheren Zustand, Rückkehr zu Wildnis und Steppe. Ist das schon die ganze Botschaft des Propheten? Nein, denn für die Hörer damals

sind schon Reizwörter gefallen. Denn der Weinberg ist Chiffre für eine Braut, eine Geliebte. Das klingt komisch, aber wohl nicht komischer als der Kosename honey, Honig, wenn Amerikaner ihre Frau meinen oder auch Baby, obwohl erwachsen. Der Gesang des Propheten ist eigentlich ein einziges Liebeslied, das die umschwärmte Frau umwirbt und etwas von all der Anstrengung und Mühe erzählt, die der Mann sich abverlangt hat. Aber - er ist total betrogen worden, er ist erschüttert und entsetzt, sein Traum ist geplatzt, das Leben vergällt. Und deswegen ruft er das Schöffengericht an – die Bewohner von Jerusalem und die Männer von Juda. Ein eindeutiges, hartes Urteil muss her, Rechtsspruch und Gerechtigkeit statt Rechtsbruch und Schlechtigkeit.

Und schließlich wird das Rätsel ganz gelöst. Die Geliebte ist das Volk Israel, Gottes Braut. Israel ist wie eine kostbare Pflanzung, die unendlich viel Liebe, Aufwand und Geduld erhalgten und am Schluss doch versagt hat: ein absoluter Rückschlag, keine Gegenliebe. Das anfangs so heitere Lied ist zu einer bitteren Anklage geworden. Und wie lautet das Urteil? Alle Liebe, Zuwendung und Fürsorge werden aufgekündigt, die Menschen werden von nun an sich selbst überlassen bleiben.

Spüren wir davon etwas in unserer Gesellschaft? Vom Rückzug Gottes, dem Verschwinden des Gebets, dem Verstummen des Evangeliums auf dem Friedhof, dem Rückgang der Taufe, dem Versickern der Seelsorge? Hören wir etwa im Parlament oder von der Regierung oder bei Fernsehdiskussionen noch irgendetwas von christlicher Überzeugung? Mehr und mehr sind wir gefangen in innerirdischer Logik, in einem Leben ohne himmlischen Horizont, im engen Radius des Alltäglichen. Gott ist zutiefst verletzt – wie der Weingärtner. Er trägt an einem verwundeten Herzen und brennenden Schmerz. Das wird uns deutlich vor Augen geführt, wenn wir auf Jesus Christus schauen: sein Leiden, seine Schmerzen an Leib und Seele, sein Kreuz. Aber – anders als in dem Lied des Propheten – flieht Jesus nicht aus diesem Gericht, bleibt vielmehr geduldig darunter:

Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt (Jes 53,5b).

Pfarrer i. R. Hermann Lutschewitz,
Februar 2021

Die Martini-Gemeinde in Radevormwald ist eine Kirchengemeinde in der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche SELK in Deutschland.

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