Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.« Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.
Liebe Brüder und Schwestern in Christus!
Kennt ihr den Unterschied zwischen einem Geheimnis und einem Rätsel? Klar, in beiden Fällen liegt zunächst ein Sachverhalt vor, der uns verschlossen ist. Aber ein Rätsel können wir erraten. Oder wir können es durch folgerichtiges Denken selbst erschließen. Man kann ein Rätsel knacken, sozusagen.
Bei einem Geheimnis kann man das nicht machen. Man kann ein Geheimnis nicht knacken. Ich kann nicht selbst durch logisches und folgerichtiges Denken dahinterkommen. Nein, ein Geheimnis muss enthüllt werden. Jemand muss es mir sagen. Es mir erklären. Es enthüllen.
Ein Geheimnis ist es, warum das Volk Israel zunächst seinen Messias Jesus aus Nazareth verworfen hat. Aus allen anderen Völkern, aus den Heiden, haben Menschen Jesus als den Retter und Heiland der Welt erkannt. Aber die Juden wollen das nicht wahrhaben – bis heute nicht.
Warum eigentlich? Paulus enthüllt uns heute dieses Geheimnis! Dabei ist wichtig zu bedenken: Er selbst kann dies Geschehen nicht im menschlichen Sinne logisch erklären. Er kann es nicht knacken sozusagen! Aber er kann durch göttliche Offenbarung aufzeigen, welcher Plan Gottes dahintersteht. Warum das so sein muss!
Und tatsächlich, es erscheint erstmal unlogisch! Ich erkläre das mal so: Um am Ende möglichst alle in das Rettungsboot zu bekommen, müssen zunächst einige ausgebootet werden. So werden Menschen aus dem Volk Israel verstockt (das heißt ihnen werden die Augen für Christus verschlossen), und sie werden ausgebootet, damit sich die Heiden trauen, überhaupt ins Boot einzusteigen.
Aber, und jetzt kommt’s: Damit ist Israel nicht völlig ausgebootet! Paulus sagt:
„Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; und so wird ganz Israel gerettet werden.“
Man könnte also sagen: Wenn im Boot erst einmal Raum geschaffen ist und die besonders Gefährdeten und die Neulinge einen Platz gefunden haben, wird sich herausstellen, dass auch die zunächst Ausgebooteten nicht draußen bleiben müssen.
Warum macht Gott das? Welcher Plan Gottes steht dahinter? Warum nicht einfach alle sofort ins Boot holen, und gut is?
Ihr Lieben, Paulus erklärt uns das so: Gott will allen Menschen aufzeigen, dass sie niemals aus sich selbst heraus seinen Ansprüchen und seinem Willen genügen können. Ob die Menschen nun aus dem Volk Israel oder aus den Heiden stammen (wie wir ja auch!), wir leben alle aus seiner Gnade. Und darum sollen wir uns hüten, leichtfertig über Menschen zu urteilen, die Jesus noch nicht als den Messias erkannt haben. Wir sollen uns hüten, leichtfertig und selbstverständlich mit unserem eigenen Glauben umzugehen.
„Ich will euch, liebe Brüder, liebe Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet,“
sagt Paulus.
Und wisst ihr was? Dieses Rettungsprinzip, so unlogisch (und vielleicht auch unfair) das erstmal erscheinen mag, ist nichts neues! Paulus macht deutlich, dass Gott zunächst die Heiden ausgebootet hatte, um Israel überhaupt ins Boot zu bekommen:
„Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, 31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen.“
Die Heiden wurden erstmal ausgebootet, um für Israel Platz zu machen! Jetzt gilt das Umgekehrte.
Das, ihr Lieben, ist ein Geheimnis. Wir können es nicht verstehen, nicht erschließen. Aber dieses Geheimnis ist enthüllt! Gott will aus Gnade und Barmherzigkeit um Christi Willen Menschen „ohn all ihren Verdienst und Würdigkeit“ retten! Nicht, weil sie einem bestimmten Volk zugehören. Nicht, weil sie etwas geleistet haben. Sondern aus Gnade allein…
Wer versucht, dieses Geheimnis wie ein Rätsel zu knacken, wird scheitern! Ein solcher Versuch wäre z.B. die Lösung zu sagen, dass die Angehörigen Israels sich in einem anderen, eigenen Rettungsboot befinden, das sie in den Hafen der ewigen Seligkeit hineinfährt. Sie brauchen Jesus Christus nicht, weil sie einen eigenen Heilsweg haben. Diese Meinung wird heutzutage leider von sehr vielen vertreten.
Klar, ein solcher Gedanke ist menschlich verständlich und erspart auch manche Konflikte. Aber diese Vorstellung entspricht nicht dem „Geheimnis Gottes“. Nur der Erlöser aus Zion, nur Jesus Christus kann Israel retten und von seiner Gottlosigkeit befreien.
„Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob.“
Und dieser Erlöser kommt nicht anonym oder unbekannt zu den Verlorenen, sondern über die Verkündigung, über das Zeugnis über ihn. Paulus sagt wenige Verse zuvor:
„Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger?“ (Röm 10, 14)
Aus diesen Gründen können und dürfen wir Christen nicht auf ein Christuszeugnis gegenüber Israel verzichten, so ungemütlich das uns auch erscheinen mag! So sperrig dieser Gedanke auch ist. Der Schatten der Geschichte ist lang…
Wie kann solch ein verantwortliches Christuszeugnis gegenüber Juden aussehen? Na ja, Liebe und rücksichtsvolle Freundschaft und Solidarität sind hilfreich und sogar sehr nötig. Aber erzwingen kann man eine Hinwendung zu Christus nicht. Das Zum-Glauben-Kommen bleibt ein Geheimnis. Und, ihr Lieben, das ist es ja: Das bleibt nicht nur dort ein Geheimnis, wo die Juden zu Christus finden, sondern das bleibt immer ein Geheimnis. Bei dir und mir, genauso wie bei allen anderen.
Das wollen wir uns heute wieder ins Gedächtnis rufen. Das soll uns demütig machen! Mein Glaube an Christus ist nicht selbstverständlich, sondern er ist ein großes Geschenk, ja ein Geheimnis, für das ich unendlich dankbar sein darf!
Amen.
Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Pastor Roland C. Johannes,
August 2020