Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.
Ihr Lieben,
wow, manchmal kann man richtig ins Staunen geraten und das möchte ich heute mal wieder mit euch: Ins Staunen geraten, sodass wir am Ende sagen können: Wow, so ein Gott bist du!
Staunen kann man im Positiven, wie im Negativen. Manchmal staune ich darüber, wie schwer das Thema der Vergebung ist. Ist euch schon einmal aufgefallen, wie leicht und manchmal auch leichtfertig man sich entschuldigt. Dabei kann sich niemand selbst entschuldigen, sondern man kann allerhöchstens um Entschuldigung bitten.
Richtig schwer wird es, wenn man jemandem etwas vergeben muss oder möchte, was aber voraussehbar die Beziehung nachträglich belastet und es nicht mehr so werden lässt, wie es vorher war. Ihr kennt das sicherlich, dass nach einem heftigen Streit oder Ereignis, das durch schuldhaftes Verhalten zustande gekommen ist, trotz Vergebung hinterher eben nicht alles vergeben und zugleich vergessen ist.
Und gerade in diesen Wochen und Monaten wird für mich klar, dass der Gesundheitsminister Jens Spahn schon früh in der Corona-Pandemie eine tiefe Wahrheit verkündete: Wir werden uns nachher viel zu vergeben haben.
Viel zu vergeben gab es zu Michas Zeiten damals auch.
Micha war von Gott gesandt, um Israels Verfehlungen anzuprangern und dem Volk Gottes Gericht anzukündigen. Nicht ein Ruf zur Buße und Umkehr war seine Aufgabe, sondern schlicht die Ansage, dass Gott sich das untreue und gesetzlose Verhalten des Volkes nicht bieten lässt und entsprechend handeln wird.
Aber – und das ist das Verrückte an der Botschaft, die Micha zu verkünden hat – gleichzeitig wird dem Volk immer wieder auch Gottes Gnade und Heil zugesagt. Wie schöne Blumen auf einem großen Komposthaufen ragen diese Botschaften aus den Gerichtsworten heraus. Sie gipfeln in der Zusage eines künftigen Herrschers, der Israel einst für immer und ewig recht leiten und zu Gott führen wird. Wir kennen diese Stelle aus den Weissagungen am Heiligabend: „Und du, Bethlehem
Efrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.“ Ein Hinweis auf Jesus Christus, schon fast 800 Jahre vor dessen Geburt und Menschwerdung.
Wenn man das Buch Micha durchliest – was man innerhalb einer Stunde gut schaffen kann – fragt man sich, wie das zusammenpasst, und stellt am Ende fest: Eigentlich passt es gar nicht zusammen. Es verhält sich zueinander wie Feuer und Wasser, wie Tag und Nacht. Da ist auf der eine Seite der Zorn Gottes über die Sünden des Volkes, der durch nichts zu besänftigen zu sein scheint. Und auf der anderen Seite begegnet einem der gnädige und barmherzige Gott, der sich aus lauter Liebe zu seinem auserwählten Volk selber in den Arm fällt und alles daran setzt, es vor seinem eigenen Zorn zu bewahren.
Das, was hier geschieht, das passiert unzählige Male in der Bibel und weit darüber hinaus bis heute und es lässt mich staunen. Gott hat sich Menschen erwählt, die an ihn glauben. Er gibt ihnen ein klares Bild davon, wie das Leben nach seinen Vorstellungen geht und die Menschen leben daran vorbei. Und auf erstaunliche Weise bleibt Gott unendlich warmherzig und gnädig, indem er uns, denn wir sitzen da mit allen andern in einem Boot, indem er uns wieder und wieder vergibt.
Dieses immer wiederkehrende Erleben so vieler Menschen schafft Zuversicht und Gewissheit. Nämlich, dass Gott vergibt, wenn wir ihn darum bitten. Und diese Gewissheit ist schon bei Micha gut begründet. Zwei gute Gründe bringt Micha hier an: 1. Gottes Wesen, er hält nicht an seinem Zorn fest und hat Gefallen an Gnade. Und 2. Gottes Versprechen, dass er treu zu seinem Wort steht, das er Jakob und Abraham gegeben hat und übrigens auch dir und mir in unserer Taufe. Für uns tritt sogar noch ein dritter Grund hinzu und der unterstreicht für uns
die beiden ersten doppelt. Es ist der schon selbstverständliche, aber wenn man es genau nimmt furchterregende Blick aufs Kreuz: Gott hat so sehr gefallen an Gnade, dass er seinen einzigen Sohn auf so grausame Weise sterben lässt, damit unsere Schuld im tiefen Meer versinkt.
Das lässt mich immer wieder staunen über die Größe der Gnade: Er sieht mich und wie meilenweit ich an dem vorbei lebe, was er sich von mir wünscht, aber er zertritt diese Schuld unter seinen Füßen. Diese Erkenntnis macht ehrfurchtsvoll und dankbar: Wow, so ein Gott bist du! Du vergibst mir alles, was mich von dir trennt. Und wer bin ich vor so einem Gott? Klein und ohne jegliches Recht auf Vergebung und genau diesen Menschen will Gott so sehr und gibt nicht ihn auf, sondern am Ende seinen Zorn.
Dass Gott Vergebung schenkt, ist allerdings kein Freibrief, nichts tun oder sich einfach um nichts kümmern zu müssen. Aber Gottes anhaltende Barmherzigkeit kann frei machen nach bestem Wissen und Gewissen so zu leben, dass es uns und unserer Umwelt durch Gottes Hilfe möglichst gut gehen kann. Dass Gott uns Vergebung schenkt, lässt uns bei näherem Hinsehen staunend zurück und das hat Auswirkungen auf unser Leben. Wow, so ein Gott bist du! AMEN.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. AMEN.
Pastor Florian Reinecke,
Juni 2020