Nachricht vom 23. Januar 2014

Klangvoller Orgelabschied mit Wehmut

Martini-Gemeinde Radevormwald erhält neues Instrument

Radevormwald, 21.1.2014 – Beim Abschiedskonzert am vergangenen Sonntag in der Martini-Kirche der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) in Radevormwald zogen vier Orgelspielende noch einmal alle Register an der 62 Jahre alten Faustorgel. Sie wird durch ein neues Instrument ersetzt.

Von einer alten Freundin verabschiedet man sich nicht leichthin. Das geht auch der Martini-Gemeinde so. „Im Festgottesdienst am Sonntagvormittag kamen bei einigen die Tränen, auch bei mir“, bekennt Gemeindepfarrer Johannes Dress. 62 Jahre lang stand die Faust-Orgel auf der Empore, begleitete Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen, vor allem die unzähligen Gottesdienste. Generationen sind mit ihrem Klang aufgewachsen.

In der Orgelvesper am Nachmittag zogen eine Organistin und drei Organisten zum letzten Mal alle 20 Register der Orgel und präsentierten den ganzen Klangreichtum des romantisch disponierten alten Instrumentes. Gestern begannen der Abbau und der Abtransport der Paul-Faust-Orgel nach Kroatien, wo sie nach einer Generalüberholung eine neue Spielstätte findet. Für Ende April ist die Orgelweihe des neuen Instrumentes in der Martini-Kirche geplant.

„Wenn man die Orgel hört, fragt man sich, warum?“, fragte mit Blick auf den Abschied Konzertbesucherin Renate Fischer, die von dem einstündigen Konzert begeistert war. „Das Innenleben sieht anders aus als das, was wir hören“, erklärte Kirchenmusiker Thomas Nickisch, Kantor des Sprengels West der SELK, zur Begrüßung. An diesem 1951 gebauten Instrument habe der Zahn der Zeit genagt. Wurmfraß im Gehäuse, poröse Taschenladen an jeder der 1472 Pfeifen, zerbrechliche Elektrik, bis hin zu Ausfällen im vergangenen Winter stellten die Gemeinde vor die Wahl: entweder eine Grundsanierung (Kosten: 130.000 bis 150.000 Euro) oder eine Neuanschaffung (Kosten: 320.000 Euro). Außer Nickisch wirkten Jürgen Gottmann aus der Nachbargemeinde Wuppertal, Matthias Tscharn, der Leiter des Martini-Chors, und natürlich „Hausherrin“ Rosemarie Zeitschner, Organistin der Martini-Gemeinde, mit. Sie alle zeigten, was trotz Gebrechlichkeit noch in dieser Orgel steckt, und hatten Stücke ausgewählt, die den vollen, weichen und runden Klang hervorhoben. Allein schon das von Jürgen Gottmann gespielte Thema von Paganini, in Variationen arrangiert von Andreas Willscher, demonstrierte die große Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten einer Orgel sowie die unterschiedlichen Registrierzusammenstellungen im direkten Vergleich. Bei der Cantilene F-Dur von Joseph Rheinberger zog sich die Melodielinie durch weit entlegene Tonarten. Der tiefe Pedalbass beeindruckte die etwa 80 Konzertgäste und ließ die Kirche scheinbar erbeben. Bei dem Orgelwerk „Kleines Ostinato“ von Joachim Schreiber, gespielt von Rosemarie Zeitschner, kam die eingebaute Walze (Registerschweller) zum Einsatz. Mit dieser elektropneumatischen Spielhilfe bei romantisch disponierten Orgeln kann die Lautstärke mit dem Fuß variiert werden.

Nach dem Verklingen des letzten Tons kam auch bei der Organistin Wehmut auf. „Ich habe 39 Jahre auf diesem Instrument gespielt, da fällt der Abschied schon schwer“, sagte sie und strich noch einmal über das abgenutzte Holz und die verfärbten Tasten. Auf das neue Instrument wird sie sich neu einstellen müssen. Aber sie freue sich auch darauf. Mit dem Choral der Gemeinde „Du, meine Seele, singe“ wurde die Faust-Orgel verabschiedet. Ende Januar reisen Kirchglieder der Martini-Gemeinde nach Hamburg. Dort wartet bereits die neue 19 Register starke Orgel, die in der Werkstatt der Firma Rudolf von Beckerath Orgelbau GmbH seit letztem Sommer entsteht. Wenn die Radevormwalder Gäste zu Besuch kommen, ist sie allerdings noch still. Ihre endgültige Stimme wird sie erst beim Einbau in die Martini-Kirche finden.

Foto Rosemarie Zeitschner am Spieltisch der Faust-Orgel
Foto: Tom Zehnpfennig
Foto Faust-Orgel Prospekt
Foto Uwe Köpsel
Foto Orgelvesper mit Faust-Orgel
Foto: Nico Hertgen