Nachricht vom 31. Dezember 2015

Jahreslosung 2016

"Gott spricht: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet." (Jesaja 66,13)

Da spricht Gott von sich selber, von seinem eigenen Wesen und seiner Art. Sein Name ist: Ich bin, der ich bin. Ich bin die LIEBE, aus der allein nur Leben erwächst. Der, von dem die Liebe in die Welt gekommen ist, weiß auch, was Trost für uns Menschen bedeutet. Dass Gott dazu das Bild der Mutterliebe wählt, welches für sich allein wie kein anderes so klar und unmissverständlich ist, lässt uns eine Ahnung bekommen von der tiefen Geborgenheit, die wir bei IHM haben.

Ich sehe mich in der Erinnerung an meine Kindheit öfter in den Arm genommen von meiner Mutter: ihr ganzer Körper schloss mich wie in einen Schutzraum ein. Ihre Wärme war mir vertraut, nahe an der Brust, die mich als Säugling nährte, dicht über dem Schoß, der mich gebar. Große Gefühle waren es als Kind, die mich in dieser Zuflucht Schutz suchen ließen: die eigene Verletzlichkeit, fremde Bedrohung, Träume, Schuld und Angst. In der Gebärde der vollkommenen, bedingungslos-zärtlichen Umarmung konnte nur sie, die Mutter, das Schluchzen und die Tränen besänftigen und den Kummer zur Ruhe bringen.

Heute denke ich, dass es gerade die mütterliche Liebe ist, die am tiefsten zum Ausdruck bringt, wie ersehnte Geborgenheit empfunden wird. In den neun Monaten der Schwangerschaft wächst für jeden Menschen eine unvergleichliche Nähe und Vertrautheit zu seiner Mutter heran. Es bildet sich eine übersprachliche Verständigung im Gleichklang aus, es entsteht eine existenzielle, unverstellte Abhängigkeit und Verbundenheit. Jeder Mensch hat das erlebt und kann doch darauf selbst nie wieder zurückkommen. Es bleibt allenfalls die Ahnung, die sich in der stillen Sehnsucht lebenslang ihr Gedächtnis bewahrt. Die Trennung von der Mutter durch die Geburt in diese Welt ist wie eine Art des Auswurfs aus dem Paradies, welche die ungefährdete Sicherheit für immer verloren gehen lässt. Fortan sind wir des Trostes bedürftig.

Durch Jesaja wissen wir, dass Gott so zu uns spricht, wie wir als die Kinder seines Ebenbildes seines Trostes bedürfen. Als der Schöpfer aller Zeit und Welt und der Menschen, die ihm lieb und ganz dicht am Herzen sind, weiß er, dass wir wie alle Kreatur ohne Trost nicht leben können. Wir haben den tief empfundenen Zuspruch nötig, weil wir sonst ohne Hoffnung wären. Die Aussicht auf einen guten Ausgang und die Vergewisserung, dass wir uns nicht zu fürchten brauchen, lässt uns die Angst überwinden, die wir in dieser Welt immer wieder haben - und wieder neuen Mut fassen.

Hans-Ulrich Schiel - Immanuelsgemeinde Stuttgart / SELK