Nachricht vom 15. Januar 2015

Gedanken zur Jahreslosung 2014

Jahreslosung 2015

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob“ (Römer 15,4) Streit kommt in den besten Familien vor und macht auch vor christlichen Gemeinden nicht Halt. Das ist heute nicht anders als zur Zeit des Apostel Paulus.

In Rom gab es zwei rivalisierende Gruppen in der Gemeinde; es gab unterschiedliche Ansichten über den Genuss von Fleisch und Wein und hinsichtlich der Frage, ob bestimmte heilige Tage eingehalten werden müssen. Die Spannungen waren groß, ein Miteinander war kaum mehr möglich – die Einheit der Gemeinde schien gefährdet. In diese Situation hinein schreibt Paulus diese Zeilen: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob“.

Ist eine Situation erst einmal verfahren, dann ist es sehr schwierig ohne Hilfe von Außen wieder aufeinander zuzugehen. Persönliche Verletzungen und Kränkungen erschweren das unbefangene Zuhören – von Annehmen des Anderen ganz zu schweigen. Doch Paulus lenkt den Blick von den einzelnen streitenden Parteien weg hin zu Jesus Christus. Er hat uns angenommen und uns dadurch mit Gott versöhnt. Für uns, die eigentlich Unannehmbaren, ist Christus bis an Kreuz gegangen. Er hat uns angenommen- dieses Geschehen reicht bis über unseren Tod hinaus. Aus Vertrauen darauf können wir Kraft für jeden neuen Tag schöpfen und damit auch für solche ausweglos erscheinenden Situationen und Konflikte.

„Nehmt einander an“ – was bedeutet das? Es ist viel mehr als „seid nett zueinander“. Es bedeutet für mich, dem anderen Raum zu geben, ihn in seiner Andersartigkeit wahrzunehmen und seinen Worten vorbehaltlos zuzuhören. Das ist anstrengend und manchmal fast schmerzhaft, weil wir dazu neigen, dass sich unser Ego all zu gern in den Vordergrund schiebt. Doch gelingt dies, ist es möglich, gemeinsam neue Wege zu entdecken.

Zwei grundlegende Erfahrungen helfen mir, immer wieder auf andere Menschen zuzugehen und sie anzunehmen: - Ich schöpfe Kraft aus der Erfahrung, dass ich von Gott angenommen bin, so wie ich bin. In der Taufe bin ich zu seinem Kind geworden. Jeden Sonntag wird dieses Versprechen erneuert, wird meine Schuld vergeben und kann ich Gemeinschaft mit ihm erfahren. Gott hat mich angenommen und nimmt mich an – das schenkt mir Freiheit und Kraft, auch andere anzunehmen. - Ich muss mich selber annehmen können. Das ist oft viel schwerer als jemanden anderen anzunehmen. Wir sind uns selbst gegenüber oft viel härter und unbarmherziger als anderen Menschen gegenüber. Es ist ja auch viel leichter, einem anderen zu sagen, was ihm gut tut und was er braucht als es sich selber zu sagen. Mich selber annehmen mit allen meinen Fehlern, mit allen meinen Macken und Schwächen, mit meinen Begabungen und Fähigkeiten und dazu zu stehen; dass ich so bin, wie ich bin – dies hilft mir, auch den anderen in seinem So-Sein gewähren zu lassen, ihn zu respektieren und zu schätzen, ihn sein zu lassen im besten Sinn.

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob!“ Diese Jahreslosung stellt an uns eine Aufgabe, die immer wieder neu bewältigt werden muss. Es gibt keine Patentrezepte für das Annehmen des Anderen, denn jeder ist immer wieder neu und besonders. Mal gelingt es uns gut, mal weniger gut. Wichtig ist, dass wir uns unser Leben lang darin üben, im Vertrauen darauf, dass wir ein Vorbild haben, an dem wir uns orientieren, lernen und wachsen können: Jesus Christus.

Irmgard Bracht (Theologin | St. Petri-Gemeinde der SELK in Wuppertal)